Fehler!
So, so, sagte er. Das hätte man wissen müssen. Fragend blickte er sich um. Er war alleine.
Die Stille des Lärmes drang von aussen nach innen, ohne ihn wirklich
zu erreichen. Was wollte er eigentlich damit erreichen? Diese Frage hatte
er sich bereits mehrere Male gestellt, ohne eine wirklich befriedigende Antwort
zu finden. Vielleicht würde sich ja alles von selbst aufklären,
hatte seine Sekretärin gemutmasst. Doch daran glaubte er nicht. Er war
ein praktisch veranlagter Mensch, und wenn er ein Problem erkannt hatte,
war ihm bisher immer eine passende Lösung eingefallen.
Aber in seiner momemtanen Situation war das nicht von Bedeutung. Immer und
immer wieder hatte er darüber gegrübelt - ohne Erfolg. Die Verzweiflung
war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, obwohl er es zwischen seinen riesigen
Handflächen verbarg. Die hölzerne Wanduhr, ein Andenken an die
Zeit in Deutschland, schlug zum elften Mal. Zeit zu gehen, dachte er. Aber
er konnte sich nicht rühren, es fehlte ihm einfach die Kraft dazu. Seit
Tagen sass er nun schon so da, ohne zu sprechen oder etwas zu sagen, gegessen
hatte er seitdem auch nichts mehr. Nur die Überreste von zwei vollen
Zigarettenpackungen waren im übervollen Aschenbecher verewigt.
Ich muss etwas tun - dieser Gedanke durchzuckte ihn seit einigen Minuten,
und wurde immer und immer deutlicher. Also hob er seinen Kopf und blickte
sich um. Zuerst fiel ihm nichts ungewöhnliches auf. Da waren die goldumrahmten
Bilder an den weiss tapezierten Wänden, die Grünpflanzen auf dem
Fensterbrett, und von der anderen Strassenseite blinkte ihm die Gelbe Leuchtschrift
eines Klubs entgegen.
Alles in Ordnung - sagte er zu sich selbst. Dann hörte er eine Weile
in die geräuschvolle Stille hinein und entschied sich, in seine vorherige
Sitzposition zurückzukehren. Als er den Kopf senkte, fiel ihm doch noch
etwas Ungewöhnliches auf: Er hatte keine Füsse. Eine Weile starrte
er so nach unten.
Das kann doch gar nicht sein, murmelte er, und blinzelte mehrmals. Doch seine
Füsse blieben verschwunden. Er beugte sich noch etwas hinunter, und
stellte mit Entsetzen fest, dass er auch keine Beine hatte. Anstelle des
Unterleibes war da eine seltsame metallische Apparatur getreten, die sich
rythmisch zusammenzog. Also deshalb konnte er nicht mehr aufstehen!
Jetzt wurde ihm einiges klar. Er blickte auf seinen Arbeitsplatz. Dort waren
an einigen Stellen kleine Quadrate entstanden, und von Zeit zu Zeit wurde
es eines mehr. Der ursprüngliche Inhalt an diesen Stellen war nicht
mehr zu gebrauchen. Von der Strasse hörte er jetzt auch etwas. Es war
die Stille - keine normale Stille, sondern eine zeitweise Stille. Ab und
zu hatte der Stassenlärm kleine 'Lücken', wie er die zufällig
auftretenden Aussetzer nannte. Er ahnte jetzt, was passieren würde.
Hoffentlich blieb ihm noch genügend Zeit.
Inzwischen war auch ein Arm und Teile seiner Kleidung verschwunden. Die Bilder
an den Wänden wurden der Reihe nach geschlossen, dabei traten mehrere
Fehlfunktionen an anderen Gegenständen im Raum auf. Er beugte sich zur
Seite, soweit er konnte. Mit dem intakten Arm versuchte er, das Fenster zu
schliessen. Dabei kippte er von seinem Sessel und fiel auf den Boden, der
inzwischen ein Muster zeigte, welches aus einem wilden Wirrwarr von Buchstaben
und Sonderzeichen zu bestehen schien. Mit Mühe schleppte er sich zum
Fenster, von draussen drang inzwischen nur noch ein ohrenbetäubendes
Dauerpiepen herein.
Er musste es schaffen! Von der Tür her drang bereits eine dunkle Masse
in Richtung Fenster, die Zeit im Rest des Raumes blieb manchmal für
kurze Zeit stehen, um dann wieder ruckweise weiterzulaufen. Bevor die Uhr
abstürzte, konnte er gerade noch erkennen, wie beide Zeiger direkt nach
oben wiesen. Jetzt war es soweit - er nahm alle die ihm verbliebene Kraft
zusammen, erreichte mit der Hand das Fenster. Es blieb ihm noch ein Finger,
um das Schliessymbol zu betätigen.
Aber es war bereits zu spät.
Es war der erste Januar des Jahres zweitausend. Es gab nichts mehr, der Raum,
die Strasse - alles hatte sich aufgelöst. Es gab kein Licht mehr, keine
Geräusche, gar nichts. Es war niemand mehr da, um den Piepton zu hören,
der nach einigen Sekunden ertönte, zusammen mit einem blauen Fenster,
in dem zu lesen war:
Schwerer Ausnahmefehler.
Bitte starten Sie das System neu.
dmd 10/1997, gewidmet asi/msc