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Seit dem 21.12.2003
Hits

„Metropolis“

 Filmkritik   DVD-Infos   Filmdaten   Lesermeinungen 

PRO: Meilenstein der Filmgeschichte, weitgehend an Premierenfassung angeglichen
PRO: visuell und filmtechnisch einflussreich wie kein zweiter Film
PRO: restauriertes Bild und neu eingespielte originale Orchestermusik
PRO: tiefgründige Dokumentation und interessanter Audiokommentar
CONTRA: weitere Extras wären wünschenswert gewesen

Filmkritik:
Sich an die Besprechung eines solchen Filmklassikers wie „Metropolis“ zu wagen, flößt schon eine gewisse Ehrfurcht ein. Aber was ist dran am Mythos, handelt es sich wirklich um einen außergewöhnlichen Film oder nur um einen dieser von den Kritikern gelobten Filme, bei denen es sich einfach gehört, dass man ihn gut findet? Eine ketzerische Frage, das ist mir bewusst. Ich glaube aber, dass sie sich durchaus vielen Zuschauern stellen wird, die den Film noch nicht kennen und diese Zeilen jetzt lesen.
Ganz ehrlich gesagt, die Handlung ist es nicht unbedingt, die dafür gesorgt hat, dass „Metropolis“ noch heute als einer DER Meilensteine des Kinos angesehen wird, zumal diese in den bisher verfügbaren gekürzten Fassungen ohnehin nur noch schwer nachvollziehbar war. Vielmehr schuf Fritz Lang mit seinem Genremix aus düsterer Zukunftsvision von Verne’schen Ausmaßen, Märchen, Sozialkritik und Drama ein Werk von immenser visueller Kraft.

Zur Geschichte: Freder (Gustav Fröhlich) ist ein junger Mann, unbeschwert und naiv, sicherlich schon Mitte Zwanzig, aber eigentlich noch immer ein Kind, das keine Verantwortung kennt. Sein Vater ist Joh Freder (Alfred Abel), der einsame Herrscher der Stadt Metropolis. Er hat die Stadt erbaut und hält von seiner Zentrale der Macht, hoch oben im Turn Neu-Babel, alle Fäden in der Hand.
Eines Tages dringt eine junge Frau in diese Welt ein. Es ist Maria (Brigitte Helm), eine Art Heiligenfigur, die die Kinder der Arbeiter anführt, um ihnen ihre Brüder in der Oberstadt zu zeigen. Freder, dessen eigene Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, ist fasziniert von dieser Frau und Mutterfigur zugleich. Er folgt ihr in die Unterstadt.
Dort schlägt das Herz von Metropolis. Maschinen, die zum Selbstzweck geworden sind, müssen von den Arbeitern in Betrieb gehalten werden, damit die Ordnung nicht zusammenbricht. Sie müssen den Maschinen nicht nur ihre Arbeitskraft geben, sondern sie werden von ihnen sprichwörtlich aufgezehrt.
Maria führt den Aufstand der Arbeiter an. Sie predigt jedoch eine friedliche Revolution. Nach ihrer Idee müssen Kopf (die Führung) und Hände (die Arbeiter) durch einen Mittler (das Herz) zusammengeführt werden. Diesen Mittler sieht sie in Freder, dieser ist jedoch für diese Aufgabe noch nicht reif genug.
Natürlich kommt es auch zunächst nicht so, wie erwartet, denn mit Hilfe des Wissenschaftlers Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) hat sein Vater von dem Aufstand erfahren. Rotwang hat sich nach dem Bilder seiner verstorbenen geliebten Hel, die Johs Frau und Freders Mutter wurde, einen Maschinenmenschen konstruiert, für dessen Erschaffung er eine Hand opferte. Joh Fredersen verlangt von Rotwang, der Maschine das Aussehen Marias zu geben, um den Glauben der Arbeiter an sie zu zerstören.
Rotwang willigt ein, doch er hat seine eigenen Ziele. Er entführt Maria und überträgt ihr Aussehen in einer revolutionären Szene mit gleisenden Lichtbögen auf die Menschmaschine, die forthin die Armen (als falsche Maria) und die Reichen (als femme fatal) in ihren Bann zieht und verdirbt. Nur Freder kann erkennen, dass das nicht die echte Maria ist. Die Arbeiter haben sich jedoch bereits verführen lassen und stürmen als wild gewordener Mob die Maschinenhallen. Als sie die Herzmaschine zerstören, besiegeln sie damit ihr eigenes Schicksal. Nun muss sich Freder bewähren…

Ich muss es zugeben, trotzdem mich „Metropolis“ schon lange fasziniert hat, konnte ich bisher die Handlung nicht vollständig nachvollziehen und hatte daher ein etwas gespaltenes Verhältnis zu diesem Film. Nach dem Genuss der neuen, restaurierten Fassung wusste ich endlich auch warum. Dazu jedoch zunächst ein kleiner Exkurs:
1926 hatte Metropolis nach einer Drehzeit von über einem Jahr Premiere. „Ein Film von titanischen Ausmaßen“ lobte die Pressabteilung der UFA. Leider erwartete den Film bei seiner „Jungfernfahrt“ auch ein ähnliches Schicksal. Die Länge der Premierenfassung betrug damals 153 Minuten. Leider hatte der 5 Millionen Mark teure Film (für damalige Verhältnisse ungeheuer und inflationsbereinigt noch immer einer der teuersten Filme aller Zeiten) nicht den gewünschten Erfolg, was die Produzenten veranlasste, ihn für die internationale und später auch die deutsche Auswertung stark zu kürzen.
Der von der Paramount beauftragte amerikanische Cutter verunglimpfte Langs Vision als vollkommen zusammenhanglos und schnitt seine eigene Fassung des Filmes, die wesentlich kürzer war, Szenen völlig aus dem Zusammenhang riss und weitreichende Änderungen an den Texttafeln nötig machte. Ausschließlich in dieser Fassung war der Film jahrzehntelang bekannt. Leider ist es in nunmehr fast 80 Jahren nicht gelungen, die fehlenden Szenen vollständig wieder aufzufinden.
Von „Metropolis“ entstand im Laufe der Jahrzehnte eine schier unüberschaubare Anzahl von Fassungen, die sich drastisch unterscheiden. Als Kontrast seien hier etwa die kolorierte und mit moderner Musik unterlegte Kurzfassung von Giorgio Moroder (1984) und die „Director’s Cut“ genannte „weltweit längste Fassung“ auf der alten UK-DVD genannt. Die nun auf der deutschen DVD vorliegende Fassung und die beiden genannten Alternativen könnten unterschiedlicher wohl kaum sein.
So ist die Fassung auf der alten UK-DVD von grauenhaft schlechter Bildqualität und von so geringer Bildrate, dass man sie eigentlich nur im Schnellvorlauf ertragen kann. Auch die Musik ist wenig hörenswertes Gedudel. Die Moroder-Fassung hingegen hat durchaus ihre Verfechter. Meiner Meinung nach ist in jedem Fall der Fassung den Vorzug zu geben, die Langs originaler Vision am nächsten kommt.

Die Neufassung des Filmes stellt weitgehend die originale Reihenfolge der Szenen wieder her. Fehlende Szenen werden durch Standbilder und Texttafeln rekonstruiert, denn leider ist rund ein Viertel des Filmes für immer verloren. Die vorliegende Fassung läuft immerhin 118 von ursprünglich 153 Minuten.
Auf diese Weise bekommt man einen Eindruck davon, wie die von Fritz Lang beabsichtigte Filmfassung ausgesehen hat. Erstmals ergibt die Handlung des Filmes, speziell die Erschaffung der Maschinenfrau und die darauf folgenden Ereignisse, nun einen richtigen Sinn, da man nur in dieser Fassung Rotwangs Motivation nachvollziehen kann.
Im Unterschied zu den anderen Fassungen, die mir vorher bekannt waren, läuft der Film mit 25 Bildern pro Sekunde, was ihn deutlich flüssiger macht. Dass die Bewegungen dabei oft etwas zu schnell oder unregelmäßig wirken, ist durchaus kein Makel. Vielmehr arbeitete man damals noch mit Handkameras, die keinen Motor, sondern eine Kurbel besaßen. Von daher sind solche Schwankungen natürlich. Die Geschwindigkeit der vorliegenden Fassung basiert vor allem auf der Originalmusik.

Zusätzlich hat man die originale Schnittfolge des Filmes weitestgehend wiederhergestellt. Hierbei ist erstmals erkennbar, wie visionär Fritz Langs Film nicht nur architektonisch und künstlerisch sondern auch von der Montage her war. Bis zu 5 Handlungsstränge wurden parallel montiert, Dialogszenen auf unterschiedlichste Weise umgesetzt (subjektive Kamera, Perspektiven, etc.) und die Kameraführung ist absolut revolutionär.
Der Kameraführung möchte ich dann auch einen eigenen Absatz widmen, denn verantwortlich zeichnet hier kein anderer als Karl Freund. Der Karl Freund, der damals in Murnau’s „Der letzte Mann“ (mit Emil Jannings) die Kamera entfesselte und auch hier Beeindruckendes leistete. „Metropolis“ hat wenige Kamerabewegungen, treten sie jedoch auf, so haben sie immer eine besondere Bedeutung. Wenn z.B. Freder mit seiner Hand nach etwas greift, dann greift die Kamera quasi mit ihm, sie begleitet den Vater und den Sohn bei ihrer Unterhaltung, usw. Seine beeindruckende Arbeit setzte Freund später in Filmen wie „Dracula“ (mit Bela Lugosi) fort, wo seine Kameraführung ebenfalls Filmgeschichte schrieb.

Eine extrem wichtige Rolle spielt auch die Filmmusik. Für die Neufassung ist es gelungen, die originale Score von Gottfried Huppertz wieder zu verwenden. Auch hier stößt man auch Beeindruckendes. Wurde selbst bei den ersten Tonfilmen noch spärlich Musik eingesetzt, so hat diese bei „Metropolis“ eine große Signifikanz. Selbst Leitmotive werden eingesetzt, eine Technik, die Personen oder Handlungselementen musikalische Themen oder Instrumente zuweist. Dass diese Technik schon so früh im Filmschaffen Verwendung fand, hätte ich nicht gedacht.
Nun muss man wissen, dass sowohl Murnau als auch Lang es vermeiden wollten, bei ihren Stummfilmen viele Texttafeln zu verwenden. In einem Stummfilm steht man aber vor großen Problemen, wenn man dem Zuschauer etwas vermitteln will. Lang wollte sich als Visionär natürlich nicht damit begnügen, eine Figur nur Emotionen wie Freude oder Hass zeigen zu lassen. Ideen und Motivationen sollten sie ins sich tragen! Orte sollten eine bestimmte Wirkung haben!
Lang hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Gedanken bildhaft zu machen, den Figuren eine Seele geben und die Umgebung zum Mitträger den Handlung erheben. Um dies zu erreichen, musste man sich Gedanken über die Umsetzung machen, schließlich hatte man weder ambiente Geräusche noch Tonfälle bei Dialogen zur Verfügung. Vieles wurde also versinnbildlicht, befindet sich Freder z.B. in der Unterstadt, so ist das Setdesign entsprechend und man sieht ihn etwa eine Treppe hinunterlaufen.
Gesprächsinhalte und Charaktereigenschaften werden nicht nur über Mimik oder Texttafeln transportiert, sondern auch durch den Schnitt einer Szene und, damit komme ich wieder zurück auf die Musik, durch die Leitmotive. Wenn Freder seinem Vater etwa von dem Unfall in der Maschinenhalle erzählt, dann braucht Lang keine Texttafeln. Der Zuschauer hört das Moloch-Thema (das Leitmotiv der „M-Maschine“) und weiß genau, was Freder erzählt.
Auch andere wichtige Figuren wie Freder, Maria oder die Menschmaschine haben ihr Thema und wenn die falsche Maria die Arbeiter anführt, dann erklingt ein Thema das sich anhört wie eine pervertierte Marseillaise. Die Bilder der neuen Hel erzeugen zusammen mit der Musik und der Teufelswerk-Symbolik eine beinahe gruselige Stimmung.
Damit war Deutschlands größter Filmschaffender seiner Zeit weit voraus. Zu weit, wie die Verstümmelung seines Filmes beweist. Jedem, der diese Zeilen liest, wird klar sein, dass das Fehlen der richtigen Musik natürlich zwangsläufig diesen Sinnzusammenhang zerstören muss und dem Film damit schadet. Somit ist auch die Originalmusik integraler Bestandteil des Erfolges dieser neuen Fassung des Filmes.
Übrigens fügen sich selbst die Texttafeln in das Gesamtkunstwerk „Metropolis“ ein. Beispielsweise erstrahlt der Schriftzug Babel in gleisendem Licht und die Texttafeln, die in die Sequenz mit dem Schichtwechsel eingefügt wurden, sind in ihrer Bewegung eins mit dem Fahrstuhl, der die Arbeiter transportiert.

Wer sich für den Film an sich und dessen Ursprünge interessiert, der wird in „Metropolis“ noch weitaus mehr sehen, nämlich einen Blick zurück in eine Zeit, wo Film auch noch Handwerk war. Eine riesige Anzahl Handwerker und Kreativer baute im gerade neu eingerichteten Studiokomplex in Babelsberg bei Potsdam Kulissen, entwickelte Tricktechniker oder brachte sich auf andere Weise künstlerisch ein.
Viele der Konzeptzeichnungen für die gigantische Stadt mit dem Turm Neu-Babel als Zentrum und der düsteren Stadt der Arbeiter im Untergrund existieren noch. Die gigantischen Aufnahmen der Stadt wurden mit einer Vielzahl verschiedener Tricktechniken umgesetzt. Miniaturen, gemalte Grafiken und Liveaufnahmen wurden über Spiegeltechniken miteinander kombiniert, wie man dies heute mit Hilfe von Kollege Computer noch immer tut. Damals waren diese Techniken jedoch neu und revolutionär. Wer sich genauer dafür interessiert, der wird im Extramaterial der DVD fündig, aber auch ein Besuch im Filmpark Babelsberg sei an dieser Stelle empfohlen, wo man sich diverse Filmtricks wie das Schüfftan-Verfahren einmal selbst anschauen kann.
Langs Vision der Zukunftsstadt hat nicht nur von der technischen Umsetzung her unzählige Filme inspiriert sondern auch architektonisch. Hier fallen mir speziell „Dark City“, „Das fünfte Element“ oder „Blade Runner“, aber auch „Batman“’s Gotham City ein. Auch Figuren wurden in späteren Filmen adaptiert, so hat etwa der Roboter C3PO aus „Star Wars“ unübersehbare Ähnlichkeit mit der Menschmaschine aus „Metropolis“ und Queen lizenzierten einst vom deutschen Staat Bildmaterial aus dem Film für ihr Musikvideo zu „Radio Gaga“. So wurde aus Metropolis, vor allem durch die Moroder-Fassung, in den 80er Jahren gar ein Stück Popkultur.

Die Bildersprache von „Metropolis“ steht in der großen Tradition deutscher expressionistischer Filme wie „Nosferatu“ oder „Das Cabinett des Dr. Caligari“. Gleich zu Beginn des Filmes sieht man, wie stark der Film versinnbildlicht, wie sehr er Vision und Realität vermischt. Eine Maschinenhalle ist zu sehen. Bewegung − hundertfach. Es wird nichts produziert. Arbeiter stehen an den Maschinen, aber es wirkt nicht so, als ob diese die Maschinen bedienen, nein, eher so, als ob die Menschen ihnen in ihrer den Maschinen gleichen monotonen Bewegung einfach Tribut zollen wie einem falschen Götzen. Den Unfall in der Maschinenhalle versinnbildlicht Lang dann auch durch die Verwandlung der M-Maschine in einen riesigen Schlund, dem Menschenopfer dargebracht werden.
Derweilen vergnügen sich in der Oberstadt die Söhne in ihrem Club. Sie treiben Sport, zelebrieren Körperkult. Hier klingen schon erste Töne dessen an, was später Leni Riefenstahl berühmt bzw. berüchtigt machen sollte. Regelrecht bewegt hat mich dann die Szene aus Marias Geschichte vom Turmbau zu Babel, wo die Arbeiter gleich den fünf Fingern einer Hand auf die Kamera zuströmen. Ein ironisches Bild in diesem Film, weil es ein Gleichnis zur Stadt „Metropolis“ ist. Allerdings erinnert es auch stark an Leni Riefenstahls späteren Propagandafilm „Triumph des Willens“. Da weicht die Ironie schnell einer gewissen Nachdenklichkeit.
Der Film vermischt gekonnt Altes und Neues. Die modernen Maschinen stehen gegen den alten Götzenkult, Fredersens Videotelefon gegen das Treffen der Arbeiter in den Katakomben wie zur frühen Zeit des Christentums und die moderne Stadt Metropolis gegen das alte Haus des Wissenchaftlers/Magiers Rotwang mit seinen modernen Apparaturen und den altertümlichen Alchimistenreagenzien. Ein Film der untrennbaren Gegensätze. Paradoxon? Nein, in diesem Falle Prinzip!

Zu Fritz Lang selbst und seiner damaligen Frau und Drehbuchautorin Thea von Harbou empfehle ich vertiefende Literatur sowie einen Blick auf Rezensionen seiner weiteren Filme (u.a. „M“ und „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“), da ich vermeiden möchte, dass diese ohnehin schon arg lange Besprechung noch weiter ausufert.
Den Umfang von Langs Gigantomanie sollen jedoch noch einige Zahlen und Fakten illustrieren. Nach der ebenfalls gigantischen Verfilmung der „Nibelungen“ hatte sich Lang mit „Metropolis“ ein noch größeres Projekt vorgenommen. Wie erwähnt betrugen die Kosten der 18-monatigen Produktion über 5 Millionen Mark. Unglaubliche 25.000 Extras arbeiteten an den beeindruckenden Massenszenen, standen tagelang im Wasser und wurden mehr wie Requisiten als wie Menschen behandelt.
Speziell die blutjunge Brigitte Helm wurde für den Film bis zum äußersten belastet. Für die etwa 10-minütigen Szenen, in denen die Unterstadt geflutet wird, stand sie 6 Wochen lang bis zu den Hüften im Wasser. Die Flammen auf dem Scheiterhaufen waren real und folgendes Zitat soll noch einmal die Drehbedingungen illustrieren: „… Da ist die Szene, in der Rotwang sie über eine unheimlich schmale Leiter vom brennenden Kirchturm heruntertragen muss. Sie soll ohnmächtig sein. Rotwang hält sie nur um die Taille, sie hängt also mit dem Kopf und Oberkörper völlig in der Luft. Die Szene probt Lang ein Dutzend Mal und ist immer noch nicht zufrieden. Als Brigitte beim dreizehnten Mal in dieser etwas unnatürlichen Position die Leiter hinuntergetragen wird, muss sie sich erbrechen und wird nun wirklich ohnmächtig.“ (Curt Riess) - Ohne Worte. Brigitte Helm hat zeitlebens Interviews zu ihrer Filmkarriere kategorisch verweigert.
Vertiefend empfehle ich hier auch Ray Müllers brillante Dokumentation „Die Macht der Bilder“ über Leni Riefenstahl, wo diese u.a. über die Produktionsbedingungen ihrer Filme mit Luis Trenker erzählt, Stichwort „Schneelawine“.

Was habe ich nun empfunden, als ich diese neue Fassung gesehen habe? Unglaubliche Faszination zum einen, wie die obige Besprechung zeigt. Die neue Fassung ist eine Offenbahrung. Andererseits macht es aber auch traurig, zu wissen, dass so vieles von Langs Vision auch in dieser Version nicht enthalten und wohl für immer verloren ist. Anhand der eingefügten Texttafeln und Standbilder ist es jedoch zumindest möglich, den Zusammenhang herzustellen und den Film vollständig würdigen zu können.
Liebhaber des Filmes mögen mir vergeben, wenn ich viele Szenen, die im Film ebenfalls ein große Bedeutung haben, wie etwa die Szene, in der Maria in den Katakomben von dem Lichtstrahl Rotwangs verfolgt wird, nicht behandelt habe, aber es gibt in diesem Film einfach zu viele zukunftsweisende Szenen.
Bildqualität:
Das Bild der DVD ist, gemessen am Alter des Filmes, einfach sagenhaft. Wer Billig-DVD-Veröffentlichungen des Filmes aus den USA oder England (1. Auflage) kennt, wird hier begeistert sein. Natürlich gibt es trotzdem kleine Probleme.
Kratzer und Defekte sind noch immer vorhanden, aber soweit abgeschwächt, dass sie nicht mehr sehr störend auffallen. Ab und zu gibt es vertikale Linien im Bild oder es fehlen Einzelbilder, was sich in Ruckeln äußert. Manche Szenen sind auch eigenartig vignetiert oder haben eine sichtbar andere Qualität. Diesen Effekt konnte auch die digitale Nachbearbeitung nicht ganz beseitigen.
Trotzdem, den Standard einer aktuellen Produktion kann man hier einfach nicht anlegen. Kontrast und Schärfe bewegen sich zwischen gut und sehr gut, viele Szenen sind erstaunlich detailreich. Leicht störend sind lediglich die Helligkeitsschwankungen, die immer wieder auftreten, auch stehende Rauschmuster gibt es leider ab und an, die Kompression ist ansonsten jedoch gut gelungen.
Insgesamt präsentiert die DVD den Film in einer Qualität, die man gemessen am Alter nicht für möglich gehalten hätte. So wird es endlich möglich, den Film zu erleben, ohne durch die schlechte Bildqualität abgelenkt zu werden.
Tonwertung:
Da es sich um einen Stummfilm handelt, sind keine Dialoge vorhanden. Zur Untermalung dient dem Film die originale Filmmusik, die man anhand der Originalpartituren neu eingespielt hat, was den Film in dieser Präsentation noch einmal deutlich aufwertet.
Die Musik liegt wahlweise in stereo oder Dolby Digital 5.1 vor. Vor allem die 5.1-Spur bietet ein schönes Frontpanorama sowie ausreichende Räumlichkeit und klingt herrlich dynamisch und druckvoll, was die Wirkung vieler Szenen noch einmal deutlich verstärkt.
Bonusmaterial:
Die 2 DVDs kommen in einem schmucken Digipack inklusive eines Booklets, welches noch einen hochinteressanten Essay enthält. Das Bonusmaterial macht jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Hochwertige und tiefgründige Extras sind dabei durchaus vorhanden. Zu nennen wären hier in erster Linie der interessante Audiokommentar (wahlweise auf Deutsch oder Englisch, optional untertitelt) und die Dokumentation von Filmhistoriker Enno Patalas.
Die Dokumentation ist ca. 40 Minuten lang und bietet einen tollen Blick auf den deutschen Film der 20er Jahre im Allgemeinen und Metropolis im Speziellen. Patalas’ Vortragsstil sowohl in der Dokumentation als auch im Kommentar ist etwas schwerfällig, aber der Inhalt ist hochinteressant und macht Lust auf mehr.
Und da liegt auch schon die Crux: Warum sind die Interviews, von denen es in der Doku Ausschnitte gibt, nicht komplett auf der DVD enthalten? Außerdem gibt es sicher auch andere Specials oder Dokumentationen über Metropolis oder Fritz Lang. Wo bleibt eine fachgerechte Analyse der verschiedenen Fassungen? Warum gibt es keinen Ausschnitt aus Moroders Fassung? Hier hatte ich mir in jedem Falle mehr erhofft.

Ebenfalls hochinteressant ist die etwa 10-minütge Dokumentation über die Restauration von Metropolis auf Basis eines Flüssigkeitstransfer-Verfahrens (Wet-Gate-Verfahren). Auch digitale Verbesserungsmöglichkeiten werden besprochen und Probleme aufgezeigt. Auf die Auffindung von unterschiedlichen Kopien und die Angleichung der Qualität der einzelnen Teile wird ebenfalls eingegangen. Gemeinsam mit dem ausführlichen Essay im beigefügten Booklet bekommt der Interessierte hier einen tollen Einblick in die Sysiphos-Arbeit, die in dem Projekt steckt.

Die DVD kann auch noch an einer anderen Stelle punkten, nämlich bei den Textinformationen und Fotogalerien. Generell ist davon auszugehen, dass diese Art Extras bei vielen DVDs nur bei einer geringen Anzahl Zuschauer auf Interesse stoßen dürfte. Bei „Metropolis“ sieht das ganz anders aus.
Die Texttafeln bieten umfangreiche Biografien und Filmografien nicht nur zu den Darstellern sondern auch zu den Machern. Wer gern Näheres darüber erfahren möchte, wie die Filmkarriere Brigitte Helms nach dem Film weiter verlief, bei welchen anderen Filmen Fritz Lang und seine Frau Thea von Harbou gemeinsam die Drehbücher schrieben oder welchen Rollen Götz Georges Vater Heinrich George seinen Ruf als herausragender Schauspieler verdankt, der wird hier fündig.

Auch die Bildergalerie ist nicht nur eine Drittverwertung von Szenenfotos. Hier bekommt man rares Material hinter den Kulissen zu sehen, etwa wie Brigitte Helm in ihrem Kostüm, welches ähnlich wie eine Ritterrüstung aufgebaut war, Luft zugefächelt bekommt oder Fritz Lang hinter der Kamera steht.
Highlights sind jedoch vor allem die rekonstruierten Szenen der Premierenfassung, welche anhand von Szenenfotos, Zensurkarten und dem Drehbuch nachvollziehbar gemacht werden. Hier hat man viel Engagement bewiesen.

So lassen die Extras am Ende Wünsche offen, sind aber trotzdem sehr hochwertig und machen diese DVD-Edition zum Pflichtkauf für jeden Cineasten.
Gesamturteil:
Metropolis“ ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und hat wie kaum ein zweiter das Filmschaffen Unzähliger beeinflusst, Techniken etabliert und Talente kanalisiert. Leider hatte der Film auch wie kaum ein zweiter unter Kürzungen und Änderungen zu leiden. Die vorliegende Fassung präsentiert den Film nun endlich wieder in einer Form, die Langs originaler Vision so nahe wie möglich kommt.
Dazu tragen auch die originale Filmmusik und das originale Zwischentiteldesign bei. Bild- und Tonqualität trüben den Filmgenuss dank aufwendiger Restauration ebenfalls nicht mehr. Die Extras sind interessant, lassen aber Wünsche offen.
Somit möchte ich diese DVD-Ausgabe von „Metropolis“ jedem Filminteressierten ans Herz legen und besonders auch jenen, denen der Film vielleicht bisher nur in einer anderen Fassung bekannt war.
Diese Kritik wurde verfasst von Dirk Schönfuß.


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